Dienstag ist mein Lieblingstag

Eine Kolumne von Ramona Blanco García Wolff

Jeden Dienstag schwimme ich dreißig Bahnen. Dann Sauna. Dann Stille. Dienstag ist Frauen-Sauna-Tag. Und Dienstag ist mein Lieblingstag.

Nicht wegen des Schwimmens. Nicht wegen der Sauna. Sondern wegen dem, was dort passiert, ohne dass es jemand bemerkt: Frauen sind einfach sie selbst.

Schönheit ohne Filter

Wenn ich mich in der Sauna umschaue, sehe ich alles. Junge Frauen, alte Frauen. Schmale, runde, große, kleine. Haut in allen Farben. Narben. Dehnungsstreifen. Falten, die Geschichten erzählen. Tattoos, die andere Geschichten erzählen. Körper, die Kinder geboren haben. Körper, die Krankheiten überstanden haben. Körper, die einfach da sind. So, wie sie sind.

Und niemand schaut kritisch. Niemand zieht den Bauch ein. Niemand dreht sich weg. Es ist, als würde mit der Kleidung auch das Urteil abgelegt. Als hätte jemand am Eingang ein Schild aufgehängt: Hier darfst du sein, wie du bist. Nur dass dieses Schild unsichtbar ist. Es hängt in der Luft. Jede spürt es. Keine muss es aussprechen.

Was für eine bunte, wunderbare Vielfalt wir sind. Jede einzelne von uns.

Die Selbstverständlichkeit des nackten Seins

Was mich jedes Mal wieder fasziniert: wie selbstverständlich sich Frauen in diesem Raum bewegen. Kein Verstecken. Kein Vergleichen. Kein Bewerten. Eine Frau geht zum Becken, eine andere liegt auf der Liege, eine dritte steht unter der Dusche. Alles ganz natürlich. Als wäre es das Normalste der Welt, sich im eigenen Körper wohlzufühlen.

Und das ist es ja auch. Es sollte das Normalste der Welt sein. Nur draußen, im „angezogenen Modus", ist es das nicht. Draußen wird gemustert, bewertet, eingeordnet. Zu dick. Zu dünn. Zu alt für dieses Kleid. Zu jung für diese Frisur. Draußen ist der Körper eine Visitenkarte, die ständig gelesen wird.

In der Frauen-Sauna ist der Körper einfach ein Körper. Kein Statement. Kein Problem. Kein Projekt. Einfach da.

Und dann kam ein Donnerstag

Einmal habe ich den Dienstag verpasst. Donnerstag stattdessen. Gemischte Sauna. Selbes Gebäude. Selbe Wärme. Selbes Wasser. Aber eine komplett andere Atmosphäre.

Die Blicke. Sofort. Nicht alle, aber genug. Blicke, die abtasten. Blicke, die bewerten. Blicke, bei denen du spürst, dass dein Körper plötzlich nicht mehr ganz dir gehört, sondern dem, der hinschaut.

Der Unterschied war frappierend. Nicht subtil. Nicht eingebildet. Frappierend. In der Frauen-Sauna bin ich frei. In der gemischten Sauna bin ich auf der Hut. Derselbe Körper. Derselbe Raum. Aber ein völlig anderes Gefühl.

Ich bin nach Hause gegangen und habe mir geschworen: nur noch dienstags.

Räume, die uns gehören

Man könnte sagen: Es ist nur eine Sauna. Aber es ist eben nicht nur eine Sauna. Es ist ein Raum, in dem Frauen angstfrei und unbekümmert sie selbst sein können. Ohne Leistung. Ohne Erwartung. Ohne den ewigen Blick von außen.

Solche Räume sind selten. Und sie sind kostbar. Nicht weil wir Männer ausschließen wollen. Sondern weil wir in diesen Räumen etwas erleben, das draußen kaum möglich ist: bedingungslose Akzeptanz. Von uns selbst und von den Frauen um uns herum.

Die 25-Jährige mit den Tattoos neben der 70-Jährigen mit der OP-Narbe. Die Frau mit Kopftuch, die es hier zum ersten Mal ablegt. Die Schwangere neben der Frau, die eine Brust verloren hat. Und keine schaut weg. Keine schämt sich. Keine muss sich erklären.

Warum nur hier?

Das ist die Frage, die mich jede Woche beschäftigt, wenn ich nach Hause fahre. Warum geht das nur hier? Warum können wir im „angezogenen Leben" nicht so miteinander umgehen? Warum ist da draußen so viel Urteil, so viel Vergleich, so viel stiller Wettbewerb?

Vielleicht, weil Kleidung nicht nur den Körper bedeckt. Sie bedeckt auch Ehrlichkeit. Wir verstecken uns hinter Marken, Schnitten, Stilregeln. Und mit jeder Schicht, die wir anlegen, legen wir auch eine Schicht Urteil an. Über uns. Über andere.

In der Sauna fallen diese Schichten. Buchstäblich. Und was bleibt, ist das, was wir wirklich sind: Frauen. Wunderschön in unserer Vielfalt. Verletzlich. Stark. Echt.

Jeden Dienstag erinnert mich die Sauna daran, wie es sein könnte. Nicht nur am Dienstag. Nicht nur in der Sauna. Sondern überall. Wenn wir aufhören würden zu bewerten. Wenn wir anfangen würden zu sehen. Wirklich zu sehen.

Wir Frauen sind so wunderschön einzigartig. Jede einzelne von uns. Und es gibt Räume, in denen wir das spüren dürfen. Angstfrei. Unbeobachtet. Unbekümmert.

Dienstag ist mein Lieblingstag. Welcher ist deiner?

Hast du auch einen Raum, in dem du dich komplett frei fühlst? Einen Ort, an dem du sein darfst, ohne dich zu erklären? Erzähl mir davon.

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