Frauen sind die schlimmeren Chefs. Sagt eine Frau.

Ich war auf der Hannover Messe. Die größte Industriemesse der Welt. Hallen so groß, dass man sich verläuft. Roboter, die Dinge tun, von denen ich vor zehn Jahren nicht wusste, dass sie möglich sind. Zukunft, überall Zukunft.

Und dann schaute ich auf die Menschen, die diese Zukunft präsentierten. Auf die Namensschilder mit den Titeln. Geschäftsführer. Vorstand. Head of. Director. Und ich sah Männer. Männer. Männer. Vereinzelt eine Frau, meistens am Empfang, manchmal als Standhostess, selten mit einem Führungstitel auf der Brust.

Ich stand in der Zukunft. Und es fühlte sich an wie 1987.

Das Gespräch, das anders lief als gedacht

Ein paar Tage später erzählte ich einer Freundin davon. Von der Messe. Von dem Gefühl. Ich erzählte ihr auch von einer Kolumne, die ich geschrieben habe. Über Sofia. Head of Marketing. Eine kluge, fähige Frau, der ihr Chef sagt, sie solle mehr lächeln. Die sich in einem einzigen Satz von der Verantwortlichen zur Dekoration degradiert fühlt.

Ich erwartete Zustimmung. Ich erwartete dieses Kopfnicken unter Frauen, das sagt: Ja, ich kenne das, ich verstehe dich.

Stattdessen kam das hier: „Also ich finde, Frauen in Führungspositionen sind meistens noch härter und gnadenloser als Männer. Die können einfach giftiger sein."

Ich schwieg einen Moment. Dann fing ich an nachzudenken.

Vierzig Jahre, ein paar Chefinnen

Ich habe vierzig Jahre Berufsleben hinter mir. Vierzig Jahre. In dieser Zeit hatte ich viele Vorgesetzte. Die allermeisten waren Männer. Das war damals so. Das ist heute noch oft so.

Ein paar Chefinnen hatte ich auch. In den Achtzigern, Neunzigern, Zweitausendern. Und ja, ich erinnere mich an einige, die nicht gut waren. Aber giftig waren sie nicht. Gefährlich auch nicht. Sie waren überfordert. Sie saßen in Positionen, in die sie aus Gründen gekommen waren, die wenig mit Können zu tun hatten. Ich habe sie damals nicht mal richtig ernst genommen. Sie waren einfach da. Mehr nicht.

Eine echt taffe, echt gefährliche Chefin habe ich in vierzig Jahren nicht erlebt. Verstehe mich nicht falsch. Ich kenne sehr viele taffe Frauen. Gerade heute, in meinem beruflichen Umfeld, arbeite ich mit Frauen zusammen, die stark sind, klar sind, durchsetzungsfähig. Und gleichzeitig empathisch. Kollegial. Auf Augenhöhe. Sie sind das Beste, was mir beruflich passieren konnte.

Die giftige Chefin, von der meine Freundin sprach, die habe ich nie getroffen.

Warum das Klischee trotzdem entsteht

Und trotzdem verstehe ich, wie meine Freundin zu ihrem Satz kommt. Es ist Mathematik. Traurige Mathematik.

Stell dir vor, du hast in vierzig Jahren dreißig männliche Chefs. Drei davon waren furchtbar. Was denkst du dann? Du denkst: Ich hatte ein paar schlechte Chefs. Schlechte Menschen gibt es eben. Die anderen siebenundzwanzig zählst du gar nicht mit. Die waren normal.

Jetzt stell dir vor, du hast in vierzig Jahren drei Chefinnen. Zwei davon waren furchtbar. Was denkst du dann? Du denkst: Frauen können einfach keine Chefinnen sein.

Es ist fast dieselbe Quote. Aber das Ergebnis im Kopf ist ein völlig anderes. Weil die Stichprobe so klein ist. Weil es so wenige Frauen gab, dass jede einzelne das ganze Geschlecht auf den Schultern trug.

Ein Mann darf scheitern als Individuum. Eine Frau scheitert immer für alle.

Ein schlechter Chef ist ein schlechter Chef. Eine schlechte Chefin ist eine Frau.

Die bittere Pointe

Und jetzt kommt der Teil, der wirklich wehtut. Diesen Satz, dass Frauen die schlimmeren Chefs seien, habe ich nicht von einem Mann gehört. Ich habe ihn von einer Frau gehört.

Wir tun es uns selbst an. Wir tragen das Klischee weiter, von Frau zu Frau, wie ein Erbstück, das niemand haben will und trotzdem keiner wegwirft. Jede Frau, die sagt „Frauen in Führung sind giftig", macht es der nächsten Frau schwerer, befördert zu werden. Jede. Einzelne.

Der Mann, der über die Beförderung entscheidet, muss das Klischee nicht mal selbst denken. Es reicht, wenn er es einmal von einer Frau gehört hat. Dann sitzt es. Dann arbeitet es. Dann kostet es eine andere Frau die Stelle.

Darf man sich so positionieren?

Ich glaube, unsere Meinungen bilden sich aus dem, was wir erlebt haben. Das ist menschlich. Meine Freundin hat ihre Erfahrungen, ich habe meine. Niemand lügt.

Aber aus der eigenen Erfahrung eine allgemeine Wahrheit zu machen, das ist der Fehler. „Meine zwei Chefinnen waren schwierig" ist eine Erfahrung. „Frauen sind die schlimmeren Chefs" ist ein Urteil über die halbe Menschheit. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt ein Abgrund. Und in diesen Abgrund fallen all die Frauen, die nie eine Chance bekommen, weil das Urteil schon gefällt war, bevor sie den Raum betraten.

Wir tun den Frauen unrecht. So oder so. Nennen wir sie hart, tun wir ihnen unrecht. Nennen wir sie weich, tun wir ihnen auch unrecht. Eine Chefin, die durchgreift, ist eine Zicke. Ein Chef, der durchgreift, ist eine Führungspersönlichkeit. Dasselbe Verhalten. Zwei völlig verschiedene Etiketten.

Was ich mir wünsche

Ich wünsche mir, dass wir aufhören, Frauen als Block zu betrachten. Es gibt gute Chefinnen und schlechte Chefinnen. Es gibt gute Chefs und schlechte Chefs. Das hat mit Charakter zu tun. Mit Kompetenz. Mit dem Menschen, der da entschieden hat. Es hat nichts mit dem Geschlecht zu tun.

Und ich wünsche mir, dass wir Frauen damit anfangen. Bei uns selbst. Beim nächsten Kaffee, wenn der Satz kommt „Frauen können das einfach nicht so gut". Dann nicht nicken. Dann nachfragen. Wie viele Chefinnen hattest du eigentlich? Und wie viele Chefs? Und ist das nicht ein bisschen wenig, um über Millionen Frauen zu urteilen?

Auf der Hannover Messe fühlte es sich an wie 1987. Damit es im Kopf endlich 2026 wird, müssen wir aufhören, die alten Sätze nachzusprechen. Auch die, die wir von anderen Frauen hören. Gerade die.

Hast du diesen Satz auch schon gehört? Vielleicht hast du ihn sogar selbst mal gesagt. Frag dich einmal ehrlich: Wie viele Chefinnen hattest du wirklich? Und würdest du über Männer genauso urteilen? Schreib es mir.

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