Sie hat einen weiblichen Namen

Eine Kolumne von Ramona Blanco García Wolff

Málaga. Hafenpromenade. Ich sitze auf einer Bank und schaue raus aufs Meer.

Vor mir liegt eine Yacht, größer als ein Wohnblock. Mit Helikopterlandeplatz, Pool, Glasfronten. Daneben ein paar Servicekräfte, die im Halbschatten warten. Ich kenne diese Welt nicht. Aber ich erkenne sie wieder. Geld will gesehen werden. Geld will glänzen. Geld bleibt selten lange am selben Ort.

Hinter der Yacht steht ein Turm. Schmal, weiß, schlicht. Ohne Spektakel. La Farola, der Leuchtturm von Málaga. Erbaut 1817. Seit über 200 Jahren steht sie da, hat Erdbeben überlebt, den Bürgerkrieg, Stürme, in denen man die ganze Küste neu zeichnen musste. Und sie leuchtet immer noch.

Und dann erfahre ich etwas, das mir den Atem nimmt.

Sie heißt La Farola. Feminin. In ganz Spanien gibt es nur zwei Leuchttürme mit einem weiblichen Namen. Alle anderen heißen El Faro. Männlich, technisch, sachlich. Aber dieser hier nicht. Dieser trägt seine Weiblichkeit im Namen. Wie ein Statement.

Ich sitze und ich heule fast.

Weil ich genau weiß, was das bedeutet.

Wir leben in einer Welt, in der weiblich oft mit weich verwechselt wird, mit klein, mit nebensächlich. Eine Welt, in der eine Frau über 50 zur Ware mit Mindesthaltbarkeitsdatum erklärt wird. Eine Welt, in der ich selbst über Jahre erlebt habe, wie aus einem "Frau Blanco García Wolff weiß, wovon sie spricht" ein "Ach, hör mal, du bist halt nicht mehr ganz auf der Höhe" wurde.

Und hier steht ein Bauwerk, das seit 200 Jahren leuchtet, und es heißt La Farola. Die Stadt hat ihm einen weiblichen Namen gegeben. Und liebt ihn dafür.

Mir wird klar: Das ist es. Genau das ist es, was die Leuchtturmfrauen tun sollen.

Leuchten. Stehen. Bleiben. Auch wenn die Yachten vorbeiziehen. Auch wenn die Saisons wechseln, die Moden, die Märkte. Auch wenn niemand mehr fragt, ob wir noch da sind. Wir sind da. Wir leuchten.

Ein Leuchtturm sucht sich seinen Platz nicht aus. Er steht, wo Schiffe in Gefahr sind. Wo Menschen die Orientierung verlieren. Wo das Land aufhört und das Meer beginnt. Genau dort wird er gebraucht. Genau dort wird er gesehen.

Wir Frauen, die wir uns von toxischen Arbeitswelten erholt haben, die wir neu angefangen haben, die wir nach jahrzehntelangem Vertrieb, nach Familienarbeit, nach Pflege, nach Stürmen aller Art immer noch hier sind, wir stehen genau an diesen Übergängen. Wir sind die, die zeigen: nach dem Sturm kommt noch was. Über 50 ist keine Ausfahrt. Es ist eine Einfahrt.

Als ich aufstehe und weitergehe, liegt die Yacht noch da. Wird wahrscheinlich bald ablegen. La Farola wird stehen bleiben.

Ich denke an meinen Vater. Alfonso. Galicischer Gastarbeiter, in den 60ern nach Deutschland gekommen, mit einem Koffer und einem Auftrag: durchhalten. Er hätte diesen Leuchtturm geliebt. Er hätte verstanden, was es heißt, durch alle Wetter zu stehen, ohne sich groß zu beschweren.

Vielleicht ist das überhaupt mein einziger Job in dieser zweiten Lebenshälfte. Zu zeigen, dass wir alle ein bisschen wie La Farola sein dürfen. Standhaft. Selbstverständlich. Mit einem Namen, der das Eigene trägt, statt es zu verleugnen.

Buenas tardes aus Málaga.

Eure Ramona

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