Eine Beobachtung auf der Hannover Messe und eine Geschichte, die unter die Haut geht.
Ich war nicht wirklich auf der Hannover Messe, um Business zu machen. Ich wollte schauen. Fühlen, wie der Puls der Industrie schlägt. Und ich wollte Frauen sehen. Frauen in Führung.
Was ich gesehen habe? Männer. Überall Männer.
Neunzig Prozent derer, die das Schild „Head of …“ oder „Geschäftsführung“ trugen, waren Männer. Ich hab gezählt. Wir reden seit Jahren über Female Empowerment, mehr Frauen in Führung, Diversity. Und dann gehe ich auf eine der größten Industriemessen der Welt, und die Realität sieht aus wie 1987.
Aber dann hab ich sie getroffen.
Begoña. Aus Barcelona. Wir haben uns auf Spanisch unterhalten, mitten zwischen Maschinenlärm und Messetrubel. Sie ist Head of Marketing bei einem österreichischen Unternehmen. Klug. Präsent. Weiß, was sie tut.
Und dann erzählt sie mir, was ihr am zweiten Messetag passiert ist.
Ihr Chef kommt auf sie zu und sagt: Du lächelst zu wenig. Du musst mehr lächeln.
Sie hat innerlich gedacht: Was fällt dem eigentlich ein? Und nach außen gesagt: Ja, tut mir leid, ich versuch’s.
Und dann: Es frisst mich von innen auf, dass ich das einfach so hingenommen habe.
Ich hab sie gefragt: Warum hast du nicht gesagt, was du gedacht hast? Vielleicht lache ich nicht, weil du nicht lustig bist. Vielleicht ist es einfach mein gutes Recht, wann und ob ich lächle.
Ihre Antwort: Weil ich meinen Job verlieren würde.
Ich hab kurz geschwiegen. Nicht weil mich die Antwort überrascht hat. Sondern weil ich weiß, wie schwer dieser Satz wiegt. Wie viele Frauen ihn jeden Tag denken, ohne ihn auszusprechen. Er sitzt wie ein Stein im Magen. Und je länger man ihn trägt, desto schwerer wird er. Begoña ist Head of Marketing. Sie führt Budgets, Teams, Kampagnen. Sie steht auf einer Industriemesse und repräsentiert ihr Unternehmen mit Haltung. Und trotzdem steht sie da und denkt: Wenn ich mich wehre, verliere ich meinen Job.
Das ist kein persönliches Problem. Das ist ein Systemfehler.
Ich kenne das.
Vor einigen Jahren. Sommer. Büro. Kein Kundentermin geplant, leichtes Kleid. Dann kam doch einer. Wir setzten uns ins Besprechungszimmer, und er starrte. Eine Minute. Vielleicht zwei. Auf mein Dekolté. Kein Wort.
Ich hab ihn angeschaut und gesagt: So. Jetzt haben wir ein bisschen Augenwellness gemacht. Wollen wir uns bitte auf das Business konzentrieren?
Roter Kopf. Stille. Dann endlich: Businessgespräch.
Im Nachhinein denke ich: Eigentlich hätte ich ihn rausschmeißen müssen. Aber der Satz hat gesessen. Hat ihm klargemacht: Ich sehe, was du tust. Und es ist nicht okay.
Manchmal reicht ein Satz.
Aber ich weiß auch, dass nicht jede Frau diesen Satz einfach so rauswerfen kann. Dass es Mut braucht. Dass es Sicherheit braucht, eine gewisse Position, einen gewissen Rükhalt. Und dass viele Frauen genau diese Sicherheit nicht haben. Nicht weil sie schwach sind. Sondern weil das System sie genau dort hingestellt hat.
Zur Rebellion.
Warum müssen wir überhaupt abwägen, ob wir unseren Job riskieren, wenn wir auf Respekt bestehen?
Ich ruf hiermit zur Rebellion auf. Nicht zur lauten. Zur klaren.
Rebellion heißt nicht, jeden Kampf zu suchen. Rebellion heißt, aufzuhören, jeden Angriff zu schlucken. Es fängt klein an. Mit dem Satz, den du nicht sagst, aber denkst. Mit dem Moment, in dem du dich entscheidest, ihn doch zu sagen. Mit dem Blick, der klarstellt: Bis hierher und nicht weiter.
Du bist nicht die Dekoration. Du bist nicht das Lächeln am Stand. Du lächelst, wenn dir danach ist. Und wenn jemand sagt, du lächelst zu wenig, dann schau ihn ruhig an und sag: Vielleicht bist du einfach nicht lustig genug.
Begoña hat mir an diesem Tag mehr gegeben, als sie weiß. Sie hat mir gezeigt, wie viel Energie wir verbrauchen, wenn wir uns klein halten. Energie, die wir eigentlich bräuchten, um die Welt zu verändern.
Wir sind 2026. Auf der Hannover Messe stehen immer noch neunzig Prozent Männer an den Führungsständen.
Das ändert sich nicht, weil wir netter werden. Das ändert sich, weil wir aufhören zu lächeln, wenn uns nicht danach ist. Weil wir anfangen, den Stein abzulegen. Und weil wir uns gegenseitig dabei zusehen, wie wir das tun.
Für Begoña. Und für alle, die ihren Satz noch suchen.
Leuchtturmfrauen — Für Frauen, die nicht unsichtbar sind.Frauen 50+ im Berufsleben sichtbar machen. Gemeinsam.