Mein Lebenslauf hat kein Verfallsdatum

KOLUMNE Mein Lebenslauf hat kein Verfallsdatum

Warum ein Lebenslauf mehr ist als ein Verfallsdatum

Ich habe meinen Lebenslauf auf links gedreht. Nicht, um ihn jünger aussehen zu lassen. Sondern, um ihn ehrlicher zu machen. Größer. Mutiger. Zu einem Dokument, das nicht nur aufzählt, wo ich gearbeitet habe, sondern auch zeigt, wer ich bin.

Ich habe meine Werte hineingeschrieben. Meine Vision. Das, was mich wirklich antreibt. Ich habe mich geweigert, diesen standardisierten Papierkram abzuliefern, bei dem am Ende alle gleich aussehen. Ich wollte, dass jeder, der mein Dokument in die Hand nimmt, sofort spürt: Hier schreibt eine Frau, die weiß, wofür sie steht.

Hat es mir einen neuen Job gebracht? Nein. Das habe ich vorher schon gewusst. Der deutsche Arbeitsmarkt sortiert Frauen meiner Generation aus, egal, wie gut dein Lebenslauf ist. Ich habe es trotzdem gemacht. Gerade weil es nichts bringen würde. Ich war es mir und meinem Lebenslauf schuldig.

Als ob Erfahrung schlecht werden könnte

Stell dir vor, du kaufst einen guten Wein. 2005, ein Spitzenjahrgang. Du ziehst ihn aus dem Regal und sagst: „Nee, zu alt.“ Absurd, oder? Aber genau das macht der deutsche Arbeitsmarkt mit Frauen meiner Generation. Vierzig Jahre Berufserfahrung? Zu alt. Drei Wirtschaftskrisen überstanden? Zu alt. Drei Sprachen, zwei Kulturen, tausend gewonnene Verhandlungen? Zu alt.

Als ob Erfahrung ein Verfallsdatum hätte. Als ob Wissen während der Pandemie verschimmelt wäre. Als ob meine Fähigkeit, Kundenbeziehungen aufzubauen, plötzlich nicht mehr relevant wäre, nur weil ich vor 1980 geboren wurde.

Das Verrückte ist: Dieselben Unternehmen, die mich aussortieren, klagen über Fachkräftemangel. Sie brauchen dringend Leute. Aber bitte nur, wenn sie in der richtigen Altersklasse sind. Lieber jemanden Unerfahrenen einstellen und drei Jahre lang anlernen, als jemanden Erfahrenen nehmen, der morgen anfangen könnte. Das ist keine Wirtschaftlichkeit. Das ist Ideologie.

Was auf meinem Lebenslauf wirklich steht

Wenn ein Personaler meinen Lebenslauf öffnet, sieht er Jahreszahlen, Positionen, Firmennamen. Ein paar Schönheitswörter wie „ergebnisorientiert“ und „teamfähig“. Das ist das offizielle Dokument. Aber was wirklich drinsteht, liest er nie.

Was wirklich drinsteht: dreißig Jahre Vertriebserfahrung. Kundenbeziehungen, die länger halten als manche Ehe. Das Wissen, wie man in einem Gespräch den Moment spürt, in dem jemand bereit ist, Ja zu sagen. Die Fähigkeit, Menschen zu lesen, bevor sie ihren ersten Satz beendet haben. Ein Gespür für Märkte, Trends und Stimmungen, das man nicht in einem Wochenendseminar lernt.

Was wirklich drinsteht: die Fähigkeit, drei Wirtschaftskrisen durchzustehen und trotzdem noch an das Gute in Unternehmen zu glauben. Die Gelassenheit, die entsteht, wenn man weiß: Kein Chef und kein Quartalsbericht werden mich aus der Bahn werfen, weil ich schon ganz andere Dinge überstanden habe.

Was wirklich drinsteht: die Bereitschaft, noch einmal ganz von vorn zu lernen. Vom Faxgerät zur KI. Jeden einzelnen Schritt mitgemacht. Das tut nicht jeder Digital Native. Das schaffen nur die, die Lernen als Lebenseinstellung verstanden haben.

Das Verfallsdatum, das sie mir aufkleben wollen

Mit 40 wurde ich erfahren. Das war gut. Mit 50 wurde ich zu erfahren. Das war problematisch. Mit 60 war ich plötzlich „am Ende“. Ein unsichtbarer Stempel, den mir jemand aufgedrückt hat, ohne mich zu fragen.

Wer macht diese Regeln? Wer entscheidet, wann eine Frau „fertig“ ist? Ich kenne die Antwort nicht. Ich weiß nur: Ich bin nicht fertig. Ich habe die beste Zeit meines Lebens. Ich sprudle vor Ideen. Ich plane Projekte. Ich baue eine Plattform auf. Ich habe mehr Energie als manche 40-Jährige, die ich kenne. Und ich soll in Rente gehen und Marmelade einkochen? Ernsthaft?

Das Verfallsdatum, das mir Gesellschaft und Arbeitsmarkt aufkleben wollen, passt nicht auf mein Etikett. Es ist eine Fremdzuschreibung, die mit meiner Realität nichts zu tun hat. Und ich weigere mich, sie zu akzeptieren.

Ich bin kein ablaufendes Produkt

Das ist vielleicht das, was mich am meisten ärgert: dass Menschen wie Waren behandelt werden. Mit Frischesiegel, Haltbarkeitsdatum und Entsorgungsanleitung. Als würde ein Mensch mit jedem Lebensjahr an Wert verlieren wie eine Milchpackung, die man zu lange im Kühlschrank vergessen hat.

Ich bin kein ablaufendes Produkt. Ich bin eine Frau. Mit einer Geschichte. Mit Erfahrung. Mit einem Kopf voller Ideen und einem Herzen voller Projekte. Das hört nicht auf, nur weil eine HR-Abteilung beschlossen hat, dass es aufhören soll.

Und wenn mich niemand einstellen will, weil ich angeblich „abgelaufen“ bin, dann stelle ich mich eben selbst ein. Als Gründerin. Als Autorin. Als Podcasterin. Als Mentorin. Die Rolle, die mir niemand gibt, schreibe ich mir selbst. Der Lebenslauf, der angeblich nicht mehr reicht, trägt jetzt mein eigenes Projekt. Das ist die schönste Rache, die ich mir vorstellen kann.

An meinen Lebenslauf

Lieber Lebenslauf, du und ich, wir haben etwas gemeinsam durchgestanden. Jahrelang haben andere versucht, dich in eine Schublade zu stecken. Standardformulierungen. Tabellen. Gleichförmigkeit. Als wärst du nur eine Auflistung von Daten und Fakten.

Ich habe dich da rausgeholt. Ich habe meine Werte in dich hineingeschrieben. Meine Vision. Das, was mich antreibt. Ich habe dir erlaubt, anders zu sein. Ungewöhnlich. Unbequem vielleicht. Auf jeden Fall echt.

Und ja, es hat keinen neuen Job gebracht. Das war mir klar. Aber darum ging es mir irgendwann nicht mehr. Es ging mir darum, dich nicht zu verraten. Dich nicht kleinzumachen. Dich nicht in eine Form zu pressen, in die du nicht passt.

Du hast kein Verfallsdatum. Du bist kein Produkt. Du bist eine Geschichte, die noch lange nicht zu Ende erzählt ist. Und wenn jemand damit nicht umgehen kann, ist das sein Problem. Nicht deins. Und nicht meins.

Wie sieht dein Lebenslauf aus? Zählt er nur Stationen auf oder erzählt er deine Geschichte? Und was würdest du gern hineinschreiben, wenn du es dürftest? Erzähl es mir. Denn unsere Lebensläufe sind mehr als Papier. Sie sind wir.

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