Ein Blogartikel von Ramona Blanco García Wolff
Wenn wir an Narzissten denken, denken wir an Männer. An den dominanten Chef, den charmanten Blender, den Mann, der jeden Raum betritt, als gehöre er ihm. Das Bild ist so fest verankert, dass selbst der Begriff aus der griechischen Mythologie von einem Mann stammt: Narziss, der Jüngling, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte.
Aber dieses Bild ist nur die halbe Wahrheit. Und die andere Hälfte ist mindestens genauso gefährlich.
Was die Statistik sagt
Offiziell betreffen etwa 75 Prozent der diagnostizierten narzisstischen Persönlichkeitsstörungen Männer. Bei Psychopathie ist der Geschlechterunterschied noch deutlicher. In der Gesamtbevölkerung sind etwa vier Prozent Narzissten und ein bis zwei Prozent Psychopathen. In Führungspositionen steigt der Anteil auf sechs Prozent, auf den höchsten Entscheiderebenen sogar auf bis zu 14,5 Prozent.
Fall abgeschlossen? Männer sind die Narzissten, Frauen die Opfer? So einfach ist es nicht.
Aktuelle Metaanalysen korrigieren das Bild drastisch. Die tatsächliche Verteilung liegt eher bei 60 zu 40. Deutlich ausgeglichener, als die Diagnosestatistik vermuten lässt. Der Grund: Unsere Diagnosewerkzeuge sind auf männlichen Narzissmus geeicht. Sie messen, was Männer tun. Und übersehen, was Frauen tun.
Die grandiose und die verletzliche Maske
Narzissmus hat zwei Gesichter. Das grandiose und das verletzliche. Und hier trennen sich die Geschlechter.
Der grandiose Narzisst ist der, den wir kennen. Laut, dominant, machthungrig. Er beansprucht Raum, fordert Bewunderung und nutzt andere aus, ohne mit der Wimper zu zucken. Er prahlt mit Status und Macht. Er ist der Chef, der sich für unersetzlich hält. Dieses Bild ist überwiegend männlich.
Die verletzliche Narzisstin sieht ganz anders aus. Sie ist nicht laut. Sie ist leise. Sie manipuliert nicht durch Dominanz, sondern durch Perfektion, durch Opferinszenierung, durch soziale Kontrolle. Sie ist die Kollegin, die immer alles richtig macht und dich spüren lässt, dass du es nicht tust. Die Freundin, die dir hilft und dich gleichzeitig abhängig macht. Die Mutter, die aufopfernd ist und dir trotzdem das Gefühl gibt, du wärst nie genug.
Beide Masken verbergen dasselbe: ein fragiles Selbstwertgefühl, das auf Kosten anderer stabilisiert wird. Nur die Methoden sind verschieden.
Warum wir weiblichen Narzissmus übersehen
Die gängigen Diagnosehandbücher erfassen vor allem die männlich geprägten Ausprägungen: offene Grandiosität, Dominanzstreben, aggressives Durchsetzungsverhalten. Weiblicher Narzissmus, der sich durch Schüchternheit, Überempfindlichkeit und geringes Selbstwertgefühl äußert, wird oft als Depression oder Borderline-Störung fehldiagnostiziert.
Dazu kommt: Unsere Gesellschaft akzeptiert narzisstisches Verhalten bei Männern eher. Dominanz, Machtstreben, Selbstüberschätzung. Bei einem Mann heißt das „Führungsstärke". Bei einer Frau heißt es „schwierig". Das führt dazu, dass Frauen ihre narzisstischen Züge anders ausleben. Nicht weniger gefährlich. Nur unsichtbarer.
Gleiche Störung, ungleiche Karriere
Und hier wird es richtig interessant. Eine Meta-Analyse mit 92 Studien hat gezeigt: Bei Männern sind höhere Psychopathie-Werte positiv mit Führungserfolg korreliert. Bei Frauen negativ. Derselbe Charakterzug, der einem Mann die Karriereleiter nach oben hilft, drückt eine Frau nach unten.
Rücksichtsloses Durchsetzen? Beim Mann: Entscheidungsstärke. Bei der Frau: Aggressivität. Emotionale Kälte? Beim Mann: Professionalität. Bei der Frau: Herzlosigkeit. Manipulation? Beim Mann: Strategisches Denken. Bei der Frau: Hinterhältigkeit.
Das bedeutet: Narzisstische Männer werden befördert. Narzisstische Frauen werden bestraft. Und wir wundern uns, warum in den Führungsetagen überwiegend männliche Narzissten sitzen. Wir haben sie ja selbst dorthin gelassen.
Was die größte Studie zeigt
Die Universität Münster hat mit einem internationalen Konsortium die bisher umfangreichste Studie zu Geschlechtsunterschieden beim Narzissmus durchgeführt. 270.000 Befragte. Die Ergebnisse: Ja, Männer sind im Durchschnitt etwas narzisstischer als Frauen. Aber der Unterschied ist kleiner, als die meisten denken. Und er zeigt sich vor allem beim aggressiven, ellenbogenorientierten Narzissmus.
Bei Eitelkeit und Ichbezogenheit? Kein Unterschied. Männer und Frauen sind gleich eitel. Gleich selbstverliebt. Nur die Art, wie sie es ausleben, unterscheidet sich. Und: Die Unterschiede innerhalb der Geschlechter sind größer als die zwischen ihnen. Bei Männern wie bei Frauen gibt es die gesamte Bandbreite. Von extrem bescheiden bis zum Riesen-Ego.
Noch ein Befund, der aufräumt: Die heutige Generation ist nicht narzisstischer als frühere. Der Mythos der „Generation Ich" ist genau das: ein Mythos. Was sich verändert, ist nicht der Narzissmus. Es ist unsere Bereitschaft, darüber zu reden.
Was bedeutet das für uns?
Erstens: Hör auf, Narzissmus nur bei Männern zu suchen. Weiblicher Narzissmus existiert. Er sieht nur anders aus. Und er kann genauso zerstörerisch sein.
Zweitens: Wenn ein Mann für Durchsetzungskraft befördert wird und eine Frau für dasselbe Verhalten bestraft, ist das kein Persönlichkeitsproblem. Es ist ein Systemproblem.
Drittens: Narzissmus ist kein Geschlecht. Es ist ein Muster. Und Muster erkennt man nur, wenn man weiß, wonach man sucht. Nicht nur nach dem lauten Chef. Auch nach der leisen Kollegin, die immer alles richtig macht und dafür sorgt, dass du dich immer falsch fühlst.
Narzissmus trägt viele Masken. Manchmal die des dominanten Chefs. Manchmal die der aufopfernden Freundin. Manchmal die des charmanten Kollegen. Manchmal die der perfekten Mutter.
Die Maske ist anders. Das Muster ist dasselbe: Dein Vertrauen wird genutzt. Dein Selbstwert wird untergraben. Deine Wahrnehmung wird in Frage gestellt. Und wenn du es merkst, ist es genau richtig. Nicht zu spät. Genau richtig.
In meiner Kolumne „Der netteste Kollege im Raum" erzähle ich meine persönliche Geschichte mit einem Narzissten. Dieser Artikel hier liefert die Fakten dazu. Beides zusammen ergibt das Bild.
Hast du Narzissmus erlebt? Von einem Mann oder einer Frau? Welche Maske trug er oder sie? Teile deine Erfahrung. Denn je besser wir die Masken kennen, desto schneller fallen sie.