Was Aischa weitergab

Was Aischa weitergab

El Suspiro del Moro. Eine Mutter. Ein Sohn. Und 800 Jahre Schmerz in einem einzigen Satz.

Granada, 2. Januar 1492.

Boabdil weint. Er hat seine Stadt verloren, sein Königreich, sein ganzes Leben. Er sitzt auf einem Pferd, blickt auf die Alhambra hinunter und lässt die Tränen laufen.

Seine Mutter Aischa schaut zu ihm. Und sagt einen Satz, der bis heute auf dem Berg widerhallt.

„Llora como mujer lo que no supiste defender como hombre."

„Weine wie eine Frau um das, was du als Mann nicht verteidigen konntest."

Ich stand heute an diesem Ort. Habe die Geschichte gehört.

Und ich habe nicht geweint. Ich habe beobachtet.

Beim ersten Hören klingt es nach Grausamkeit. Eine Mutter, die ihren Sohn im tiefsten Moment seines Lebens noch tiefer stößt. Das ist die einfache Lesart.

Aber so einfach ist es nicht.

Aischa al-Hurra war eine Sultanin. Eine kluge Frau. Eine Überlebende. Sie hat in einer Welt funktioniert, in der Schwäche tödlich war. In der eine Mutter, die ihren Sohn weich machte, ihn ans Messer lieferte.

Vielleicht war ihr Satz keine Bosheit. Vielleicht war er das Letzte, was sie ihrem Sohn noch geben konnte. Härte. Tarnung. Eine Rüstung aus Worten.

Vielleicht hatte ihre eigene Mutter genau das mit ihr gemacht.

Was wir erleben, geht ins Blut.

Die Wissenschaft hat einen Namen dafür. Epigenetik.

Stell dir dein Erbgut wie ein Buch vor. Die Buchstaben bleiben gleich, ein Leben lang. Aber auf den Seiten gibt es Markierungen. Manche Kapitel werden laut vorgelesen. Manche flüstert die Zelle nur. Manche schweigt sie ganz.

Stress verstellt diese Markierungen. Hunger auch. Gewalt erst recht.

Und das Spannende: Diese Markierungen können vererbt werden.

Was eine Mutter erlebt hat, beeinflusst, wie ihr Kind später Stress liest. Manchmal sogar das Kind ihres Kindes.

Bekannt geworden ist das durch die Forschung am holländischen Hungerwinter 1944. Frauen, die schwanger waren, während die Nazis die Niederlande aushungerten, brachten Kinder zur Welt, die ein Leben lang anfällig waren für Diabetes, Übergewicht, Depressionen. Und deren Kinder zeigten Spuren davon im Erbgut, obwohl sie selbst nie hungern mussten.

Rachel Yehuda hat ähnliches bei den Kindern von Holocaust-Überlebenden nachgewiesen. Veränderte Stresshormone. Andere Schreckhaftigkeit. Eine Wachsamkeit, die nicht ihre eigene war.

Das Trauma selbst wird nicht vererbt. Wohl aber die Bereitschaft, ähnlich zu fühlen, ähnlich zu reagieren, ähnlich zu überleben.

Aischa hat ihrem Sohn nichts Neues gesagt. Sie hat ihm das weitergegeben, was Generationen vor ihr ihr weitergegeben hatten. Eine 800 Jahre alte Wunde, die in einem einzigen Satz auf dem Berg floss.

Vermutlich hatte ihre Großmutter ähnliches zu ihrer Mutter gesagt. Und deren Großmutter zu deren Mutter.

Frauen, die Frauen klein gemacht haben, weil ihnen beigebracht wurde, dass kleines Frausein sicherer ist.

Und jetzt die Frage, die mich seither beschäftigt.

Was passiert mit Männern, die solche Mütter haben?

Sie lernen, dass Tränen Schwäche sind. Sie schalten ab. Sie funktionieren. Manche werden hart, manche werden kalt, manche werden krank. Und irgendjemand muss es ausbaden.

Sie heiraten Frauen, die ihre Härte ertragen, weil diese Frauen das Gleiche von ihren Müttern gelernt haben. Ertragen. Funktionieren. Nicht zu viel fühlen.

Und dann bekommen sie Kinder. Die Töchter lernen Schweigen. Die Söhne lernen Härte.

Und nichts von alldem ist ein Einzelstück. Es ist immer ein Muster. Eine Kette, die sich von Generation zu Generation selbst schmiedet.

Das hat mich auf dem Berg erschüttert. Nicht der Satz allein. Die Vorstellung, wie lange dieser Satz schon unterwegs war, bevor Aischa ihn aussprach. Und wie lange er noch unterwegs sein wird, bevor jemand ihn endgültig stehen lässt.

Vielleicht sind wir die Generation, die ihn stehen lassen kann.

Wir wissen heute, was unsere Großmütter nicht wussten. Wir wissen, was Trauma ist. Wir wissen, dass es ins Erbgut geht. Wir wissen, dass es kein moralisches Versagen ist, wenn unsere Mütter so geredet haben, wie sie geredet haben.

Aber wir wissen auch: Es darf bei uns aufhören.

Wir können unseren Töchtern andere Sätze geben. Wir können unseren Söhnen sagen: Wein ruhig. Es macht dich zum Menschen.

Wir können bei uns selbst anfangen. Jedes Mal, wenn wir uns sagen "reiß dich zusammen", einen Moment innehalten und fragen: Wer hat das eigentlich zu mir gesagt? Und wer hat das zu ihr gesagt?

Boabdil ist von dem Berg geritten und nie wiedergekommen. Sein Seufzer ist geblieben. Der Berg heißt bis heute El Suspiro del Moro.

Vielleicht hören wir ihn endlich. Kein Vorwurf an eine Mutter, die es nicht besser wusste. Eine Erinnerung daran, dass das, was wir in unserem Mund tragen, nicht von uns stammt. Und dass wir entscheiden können, was wir weitergeben.

Aischa wusste das nicht. Wir wissen es.

Ramona Blanco García Wolff · Leuchtturmfrauen

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