Alle halten mich für stark. Keiner fragt, was es mich kostet.
Eine Kolumne von Ramona Blanco García Wolff
Ich war vielleicht neun. Vielleicht zehn. Ich saß am Küchentisch und füllte ein Formular aus. Ein deutsches Behördenformular, voller Wörter, die ich selbst noch nicht verstand. Meine Eltern saßen nebenan und schauten mich an, voller Vertrauen. Sie konnten es nicht. Ich musste es können. Also tat ich es.
So fing es an. Und es hat nie wieder aufgehört.
Von der Rente mit zwölf
Ich war das Kind, das übersetzte. Bei Ämtern, bei Ärzten, bei Briefen, die niemand zu Hause lesen konnte. Mit zwölf füllte ich Rentenanträge aus, für Freunde meiner Eltern. Ich verstand kaum, was eine Rente ist. Aber ich war ja die, die das konnte.
Und heute? Heute mache ich die gesamte Behördenkorrespondenz bei uns zu Hause. Ich mache die Steuererklärung. Ich habe alles für meinen Sohn geregelt, Schule, Studium, jeden Antrag, jede Frist. Und neuerdings soll ich auch meinen Mann unterstützen bei allem, was seine Mutter betrifft. Für ihn ist das selbstverständlich. Ramona macht das schon.
Immer wenn irgendwo etwas aufgesetzt, recherchiert, beantragt oder geregelt werden muss, ist klar, wer das übernimmt. Ich. Es fragt niemand. Es ist einfach so. Wie ein Naturgesetz.
Ramonita und die volle Speisekammer
Mit fünfzehn hatte ich einen Schreibmaschinenkurs gemacht. Meine Schwester arbeitete damals als Sekretärin in der spanischen Vertretung in Hannover, und so verdiente ich mir in den Ferien ein paar D-Mark dazu. Die Vertretung gibt es längst nicht mehr. Meine Schwester ist vor Jahren nach Spanien zurückgekehrt und schon lange in Rente. Aber die alten Spanier von damals, die haben mich nie vergessen.
Jahre später saß ich in meinem eigenen Büro zu Hause, und es klingelte. Vor der Tür standen Gesichter, die ich kaum noch kannte. „Ramonita!", riefen sie. „Du musst mir diesen Antrag ausfüllen. Kannst du das übersetzen? Hilfst du mir bei der Rente? Bei der Rückkehr nach Spanien?"
Ich sagte ihnen jedes Mal: „Ja, gern. Aber ihr wisst schon, das ist eigentlich nicht mein Job." Und jedes Mal kam dieselbe Antwort, lächelnd, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt: „Ja, ja. Du machst das schon."
Geld habe ich nie genommen. Das waren Freunde und Bekannte meiner Eltern. Aber bezahlen wollten sie trotzdem. Also füllte sich meine Speisekammer. Mit Serrano-Schinken. Mit Manchego. Mit Chorizo. Mit Wein aus der alten Heimat. Mein Mann fand das großartig. „Das ist die beste Bezahlung, die du kriegen kannst", sagte er und schnitt sich noch eine Scheibe Schinken ab.
Da hatte er recht. Aber die Arbeit war trotzdem meine.
Die halbe Wahrheit
Alle um mich herum halten mich für stark. Für erfahren. Für routiniert. Die kann das. Die macht das mit links. Die hat das im Griff.
Und jetzt kommt der Teil, den keiner kennt.
Jedes Mal, wenn ich so eine Aufgabe übernehme, bin ich verunsichert. Nervös. Ich stehe unter Druck. Innerlich frage ich mich: Schaffe ich das? Mache ich es richtig? Was, wenn ich etwas übersehe? Diese kleine, ängstliche Stimme ist jedes Mal da. Seit ich neun bin.
Aber keiner merkt es. Ich funktioniere ja. Ich liefere ja. Nach außen bin ich die souveräne Frau, die alles regelt. Nach innen bin ich oft wieder das Kind am Küchentisch, das ein Formular ausfüllt, dessen Wörter es nicht versteht.
Wenn die Batterien raus sind
Und ich löse es. Jedes Mal. Die Aufgabe wird erledigt, die Frist gehalten, der Antrag bewilligt. Von außen sieht es aus wie immer. Souverän, mühelos, selbstverständlich.
Aber danach bin ich leer. Kraftlos. Als hätte jemand die Batterien herausgenommen. Diese Müdigkeit sieht niemand, weil sie kommt, wenn die anderen längst zufrieden weitergegangen sind. Die Aufgabe ist gelöst, also ist alles gut. Dass es mich jedes Mal etwas kostet, steht in keiner Rechnung.
Mein eigener Anteil
Und jetzt muss ich ehrlich sein. Auch zu mir selbst.
Es ist nicht nur die Sache der anderen. Ein Teil von mir genießt es nämlich. Wenn jemand auf mich zukommt und sagt, Ramona, du kannst das, machst du das?, dann macht das etwas mit mir. Es schmeichelt. Es bestätigt mich. Ich werde gebraucht. Ich bin die, die es kann. Ein bisschen Stolz schwingt da immer mit.
Und genau deshalb sage ich viel zu schnell Ja. Bevor ich überhaupt nachgedacht habe, ist das Ja schon draußen. Eine Sekunde später bereue ich es. Aber dann ist es zu spät. Ein Ja zurückzunehmen fühlt sich an wie ein Wortbruch. Also bleibe ich dabei. Und der nächste Berg Arbeit ist meiner.
Mach du das doch mal
In letzter Zeit höre ich mich öfter sagen: Mach du das doch mal. Warum muss eigentlich immer ich das machen?
Mit vierundsechzig fange ich an, mich zu wehren gegen etwas, das ich seit über fünfzig Jahren mit mir herumtrage.
Und dann sehe ich es jedes Mal. Die Enttäuschung. Den stummen Vorwurf in den Gesichtern. Aber du bist doch die, die das kann. Wieso stellst du dich plötzlich quer? Als wäre es meine Pflicht, ewig die Zuständige zu bleiben.
Die kleine Pause, die alles ändert
Ich habe lange geglaubt, stark zu sein bedeutet, alles zu tragen. Alles zu können. Für alle da zu sein. Nie zu klagen. Immer zu liefern.
Das war ein Irrtum.
Was ich gerade lerne, ist nicht das große, laute Nein. Es ist die kleine Pause davor. Statt sofort Ja zu sagen, sage ich jetzt: Lass mich kurz überlegen. Ich melde mich.
Dieser eine Satz ist meine ganze Rettung. In dieser Pause kann ich fühlen, ob ich wirklich will. Ob ich wirklich Kraft habe. Ob das wirklich meine Aufgabe ist. Und manchmal, immer öfter, ist meine Antwort danach ein freundliches, ruhiges Nein. Ohne schlechtes Gewissen. Oder zumindest mit weniger.
Stark ist nicht, wer sofort Ja sagt. Stark ist, wer sich die Zeit nimmt, ehrlich zu antworten. Auch sich selbst gegenüber.
Kennst du das auch? Bist du die, die in deiner Familie, in deinem Umfeld immer alles regelt, weil du es eben kannst? Sagst du auch zu schnell Ja? Versuch beim nächsten Mal diesen einen Satz: Lass mich kurz überlegen. Und dann spür hin. Schreib mir, was passiert.