Der Absturz war der Anfang
Ich hätte viel früher gehen sollen.
Das ist der Satz, den ich mir jahrelang nicht eingestehen wollte. Nicht gegenüber anderen. Mir selbst gegenüber.
Über vierzig Jahre lang habe ich gearbeitet. Mich hochgearbeitet. Von der Ausbildung zur Wirtschaftsassistentin bis zur internationalen Sales Managerin. Ich war erfolgreich. Anerkannt. Angekommen. So dachte ich.
Und dann? Dann kam der Absturz.
Ich erinnere mich an den Moment, als ich zum ersten Mal dachte: Das hier zerstört mich. Nicht der Job an sich. Nicht die Arbeit, die ich liebte. Sondern das Umfeld. Die kleinen Demütigungen, die sich tägliche Routine nannten. Das Mikromanagement, das sich Fürsorge nannte. Das System, das einen systematisch zermürbt, und dabei lächelt.
Mobbing ist kein Missverständnis. Es ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung, die oft von oben kommt und von unten geschluckt wird.
Und ich? Ich hielt das aus. Jahrelang. Aus Loyalität. Aus dem Gefühl, dass es doch noch besser werden könnte. Aus Angst vor dem, was kommt, wenn man geht. Aus Stolz, weil ich aufgegeben zu haben, in meiner Welt nicht vorgesehen war.
Wir Frauen halten aus. Wir beißen die Zähne zusammen. Wir sagen: Es ist nicht so schlimm. Es wird schon wieder. Und während wir das sagen, werden wir leiser. Kleiner. Unsichtbarer.
Ich war eine dieser Frauen.
Ich stand morgens auf und habe mich zusammengefaltet wie ein Aktenordner. Lächeln an, Schultern zurück, alles professionell. Und innen? Innen war ich längst weg.
Der Tag, an dem ich gegangen bin, war kein befreiter Tag. Es war der schlimmste Tag meines Berufslebens. Ich saß im Auto und wusste nicht, wer ich bin, wenn ich nicht mehr arbeite. Vierzig Jahre Identität, einfach so weg.
Die ersten Monate? Starre. Wunden lecken. Das Gefühl, am Ende zu sein. Morgens aufwachen und nicht wissen, wofür. Freunde, die anrufen und sagen: Das wird schon wieder. Und man denkt: Von was redet ihr? Von gar nichts wird wieder was.
Aber dann, langsam, fast unmerklich, kam etwas anderes. Ein Gedanke. Eine Frage. Und dann eine Antwort, die ich nie erwartet hatte.
Was bleibt, wenn alles weg ist, was du geleistet hast?
Die Antwort war: Ich.
Ich bin geblieben. Meine Werte. Meine Erfahrung. Meine Stimme. Die Frau, die über vierzig Jahre Menschen bewegt hat, Verträge geschlossen hat, Beziehungen aufgebaut hat. Die Spanierin, die als Kind zwischen zwei Welten aufwuchs und sich trotzdem einen Platz erkämpft hat.
Der Absturz hat mir nicht meine Kraft genommen. Er hat mir gezeigt, dass sie nie im Job lag. Sie lag in mir.
Heute schreibe ich. Ich erzähle Geschichten von Frauen, die durchs Feuer gegangen sind. Weil ich weiß, wie das Feuer brennt.
Aber ich mache mehr als schreiben. Ich arbeite mich in Welten ein, die mir vor ein paar Monaten noch fremd waren. Podcast-Programme. Videoschnitt. Clips bearbeiten. Social Media. Dinge, von denen ich nicht mal wusste, dass es sie gibt, geschweige denn, wie sie funktionieren.
Manchmal fühle ich mich überfordert. Ehrlich. Da sitze ich vorm Bildschirm und denke: Wie soll ich das alles können?
Und dann erinnere ich mich. An all die Male in meinem Leben, in denen ich Aufgaben übernommen habe, die ich nicht konnte. Die ich mir selbst zugetraut habe, obwohl niemand anderes es getan hat. Ich habe mich immer eingearbeitet. Immer. Mit Liebe, mit Seele, mit Hartnäckigkeit. Und am Ende wurde alles gut. Jedes Mal.
Diesmal aber, und das ist der Unterschied, mache ich es für mich. Nicht für einen Arbeitgeber, der mir dafür ein monatliches Gehalt zahlt. Nicht für jemanden, der meine Leistung bewertet und mir sagt, ob ich gut genug war.
Für mich.
Und das fühlt sich verdammt gut an.
Ich möchte Frauen etwas sagen.
Nicht: Bewerbt euch weiter. Irgendwann klappt es schon. Nicht: Bleibt stark. Nicht: Denkt positiv.
Sondern das hier: Wenn du das Gefühl hast, dass es so ist, dass du weitermachen kannst, dass es noch einmal klappen wird auf dem Arbeitsmarkt, dann mach das. Dann steh jeden Morgen auf und kämpfe. Ich respektiere das.
Aber wenn du für dich entschieden hast, mit fünfzig, mit sechzig, mit was auch immer, dass keine Chance mehr kommt, dass die Absagen nicht mehr wehtun, weil sie nur noch bestätigen, was du längst weißt, dann hör auf, dich zu bewerben. Hör auf, dich zu fragen, was falsch an dir ist.
Nichts ist falsch an dir.
Mach etwas Eigenes.
Ich weiß, das klingt leicht daher gesagt. Ist es nicht. Es macht mir auch Angst. Jeder neue Schritt, jedes neue Programm, jedes "das habe ich noch nie gemacht", es flüstert mir zu: Du kannst das nicht. Wer glaubst du, wer du bist?
Aber weißt du, was noch viel größer ist als die Angst? Das Gefühl, wenn es gelungen ist. Wenn du etwas geschafft hast, von dem du dachtest, es sei unmöglich. Das ist ein Gefühl, für das ich jedes Mal wieder die Angst in Kauf nehme.
Ich möchte Frauen nicht die Angst nehmen. Die Angst ist normal. Sie gehört dazu. Ich möchte ihnen den Mut geben, trotzdem zu gehen.
Wie ein Phoenix aus der Asche. Nicht weil es schön klingt. Sondern weil es wahr ist.
Wir steigen auf aus dem, was uns kaputtgemacht hat. Wir verwirklichen Träume, die wir uns vorher nicht getraut haben. Und wenn uns keiner einstellen will, dann tun wir es eben selbst.
Leuchtturmfrauen ist aus diesem Absturz entstanden. Nicht als Trotzreaktion. Nicht als Trostpflaster. Sondern weil ich verstanden habe: Meine Geschichte ist nicht nur meine Geschichte. Es ist die Geschichte von Millionen Frauen.
Denn wir sind Leuchttürme. Wir stehen in Stürmen und leuchten trotzdem.
Ramona