Die Freundin, die ich nicht mehr anrufe

Ihr Name leuchtet auf dem Bildschirm auf. Ich sehe ihn. Ich höre, wie das Handy klingelt. Und ich tue nichts. Ich lasse es klingeln, bis es aufhört. Dann lege ich das Handy weg und mache da weiter, wo ich aufgehört habe. Ohne Schuldgefühle. Ohne Erleichterung. Nur mit dem Gefühl, das Richtige getan zu haben.

Vor zehn Jahren wäre das undenkbar gewesen. Vor zehn Jahren hätte ich das Handy abgenommen, egal was gerade passiert. Mitten in einer Besprechung hätte ich mich entschuldigend ins Gesicht gelächelt und mich aus dem Raum geschlichen. Weil es meine beste Freundin war. Weil wir alles geteilt haben. Weil sie ein Teil von mir war, wie mein eigener Schatten.

Heute nicht mehr.

Niemand hat Schuld

Wir haben uns nicht gestritten. Es gibt keine Geschichte zu erzählen. Kein „damals hat sie das gesagt". Kein „ich habe ihr nie verziehen, dass sie das getan hat". Diese Geschichten gibt es manchmal, klar. Aber zwischen uns nicht.

Zwischen uns ist etwas anderes passiert. Wir sind in verschiedene Richtungen gewachsen. Sie hat ihre Welt geschlossen. Ich habe meine geöffnet. Sie ist bei den gleichen Themen geblieben, die wir mit dreißig hatten. Ich habe neue gefunden. Sie spricht über ihre Nachbarin. Ich spreche über mein Podcast-Projekt. Sie versteht nicht, was ich tue. Ich verstehe nicht, warum die Nachbarin nach einer halben Stunde immer noch ein Thema ist.

Das ist keine Schuld. Das ist die Realität. Menschen wachsen unterschiedlich. Manche bleiben, wo sie sind, weil es ihnen dort gut geht. Andere müssen weitergehen, sonst ersticken sie. Beides ist legitim. Aber beide können nicht zusammenbleiben, wenn sie in entgegengesetzte Richtungen gehen.

Das Wort, das wir nicht sagen

In einer Partnerschaft können wir es sagen: „Wir passen nicht mehr zueinander." Für eine Partnerschaft haben wir sogar Worte. Trennung. Schluss machen. Es ist vorbei. Es ist erlaubt. Es ist normal.

Bei einer Freundschaft scheint es verboten. Wer eine Freundschaft beendet, wirkt kalt. Berechnend. Egoistisch. Eine gute Freundin hält durch. Eine wahre Freundin bleibt. Eine echte Freundin ist in guten und in schlechten Zeiten da.

Was für ein Druck. Was für eine Lüge.

Wir trauen uns nicht mit den Worten. „Ich glaube, wir sehen uns nicht mehr so oft." „Diese Beziehung tut mir nicht mehr gut." „Ich will hier keine Zeit mehr investieren." Das sind Sätze, die wir denken. Aber wir sagen sie nicht. Weil wir Angst haben zu verletzen. Weil wir Angst haben, als die Bösen dazustehen. Weil wir das Bild der ewigen Freundschaft in uns tragen wie ein Heiligtum, das man nicht antasten darf.

Also schweigen wir. Wir nehmen das Handy ab. Wir verabreden uns. Wir nicken bei Themen, die uns nicht interessieren. Wir lächeln. Wir kommen erschöpft nach Hause. Und beim nächsten Mal, wenn das Handy klingelt, lehnen wir ab. Im Verborgenen. Mit einem schlechten Gewissen, das uns niemand nimmt.

Die Zeit, die uns niemand zurückgibt

Mit vierundsechzig Jahren sieht die Zeit anders aus. Sie ist nicht mehr unendlich. Sie ist gezählt, auch wenn ich die Zahl nicht kenne. Jede Stunde, die ich in ein Gespräch investiere, ist eine Stunde, die mir woanders fehlt. Mit meinem Mann. In meinen Projekten. Mit meinen echten Freundinnen. Mit mir selbst.

Ich will nicht über die Frisur ihres Cousins sprechen, wenn mir im Kopf herumgeht, wie ich die nächste Podcast-Folge aufnehmen soll. Ich will nicht zum zwanzigsten Mal die Geschichte hören, die ich schon zwanzig Mal gehört habe. Ich will nicht so tun, als wäre ihr Leben spannend, wenn es für mich keines mehr ist.

Das klingt hart. Es ist hart. Aber es ist auch ehrlich. Und Ehrlichkeit ist das, was ich mir selbst schulde. Und auch meiner alten Freundin. Denn sie verdient etwas Besseres als eine Frau, die nur noch aus Pflichtgefühl ans Telefon geht.

Manchmal wird es einfach still

Einmal habe ich es laut gesagt. Zu einer anderen Frau, vor Jahren. Ich habe ihr gesagt, dass ich das Gefühl habe, wir wachsen auseinander. Dass unsere Gespräche mir nicht mehr guttun. Dass ich glaube, wir sollten uns seltener sehen.

Sie war verletzt. Natürlich. Aber sie hat es verstanden. Sie hat geweint und sich bedankt. Sie hat gesagt, dass sie es auch spürt, aber dass sie sich nicht getraut hat zu reden. Wir haben uns umarmt. Und heute sehen wir uns nicht mehr. Manchmal schreibt sie zu Weihnachten. Ich antworte. Nichts weiter. Das ist okay so.

Mit meiner heutigen Freundin habe ich noch nichts gesagt. Vielleicht sage ich es nie. Manche Freundschaften verstummen einfach. Ein Anruf weniger im Jahr. Ein abgesagtes Treffen. Ein Geburtstagsgruß per WhatsApp statt eines Anrufs. Irgendwann ist nichts mehr übrig. Auch das ist eine Form loszulassen. Vielleicht die sanfteste.

Ich weiß nicht, was besser ist. Klare Worte oder ein Schweigen, das wächst. Vielleicht hängt es davon ab, was die andere aushalten kann. Vielleicht davon, was du selbst aushältst. Es gibt kein Drehbuch dafür. Nur das, was du fühlst. Und das, was du dir noch selbst sagen kannst, ohne wegzuschauen.

Was bleibt, ist Raum

Wenn du eine Freundschaft loslässt, kommt etwas zurück, das du lange nicht hattest. Raum. Zeit. Aufmerksamkeit. Plötzlich rufst du Frauen an, die du seit Monaten nicht gehört hast. Plötzlich sagst du Einladungen zu, für die du vorher nie Zeit hattest. Plötzlich begegnest du neuen Menschen, weil du innerlich frei für sie bist.

In diesen letzten Jahren habe ich wunderbare Frauen kennengelernt. Mutige, intelligente, lebendige Frauen. Mit ihnen führe ich Gespräche, nach denen ich kluger nach Hause komme. Nicht erschöpfter. Kluger. Lebendiger. Inspirierter.

Diese Frauen hatten keinen Platz in meinem Leben, solange ich mich an alte Freundschaften klammerte, die nichts mehr gaben.

Du kannst weitergehen

Du musst nicht jede Frau behalten, die dich einmal gekannt hat. Du kannst weitergehen. Und sie auch. Eine Freundschaft, die endet, ist keine gescheiterte Freundschaft. Es ist eine Freundschaft, die ihre Zeit hatte. Und ihre Zeit ist vorbei. Nichts weiter.

Sei dankbar für das, was war. Sei ehrlich mit dem, was ist. Und hab den Mut, es zu sagen oder es schweigen zu lassen. Beides zählt.

Das Handy klingelt nicht mehr so oft wie früher. Aber wenn es klingelt, gehe ich ran. Mit Freude. Mit Lust. Weil ich mit der Frau am anderen Ende sprechen will. Weil sie mich nährt. Weil sie mich sieht. Weil ich sie sehe.

Und das ist der Unterschied.

Hast du auch eine Freundschaft, die dich auslaugt? Hast du den Mut gefunden, sie zu beenden? Oder lässt du sie im Stillen ausgehen? Schreib mir. Manchmal hilft es zu hören, dass man nicht die Einzige ist.

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