Ich wollte einfach nur Tochter sein
Eine Kolumne von Ramona Blanco García Wolff
Wenn ich in Santiago de Compostela aus dem Flugzeug stieg, wusste mein Körper vor meinem Kopf, dass ich zuhause war. Die feuchte Luft. Der Geruch nach Regen und Stein und nach etwas, das ich nie ganz benennen konnte. Die Stimmen der Menschen um mich herum, dieser Klang, halb Castellano, halb Gallego, die Melodie meiner Kindheit.
Noch am Flughafen aß ich meinen ersten Bocadillo de Jamón. Und mit dem ersten Bissen war ich angekommen. Galicien empfing mich jedes Mal wie eine Umarmung.
Eine Woche nur Tochter
Ich kam allein. Das war mir wichtig. Ohne meinen Mann, ohne meinen Sohn. Einmal, manchmal zweimal im Jahr, immer für eine Woche.
Eine Woche, in der ich niemandes Ehefrau war und niemandes Mutter. Eine Woche, in der ich einfach nur Tochter sein durfte. Ganz egoistisch. Vierundzwanzig Stunden am Tag bei meinen Eltern, ohne dass jemand anderes etwas von mir wollte. Ich glaube, jeder Mensch braucht das ab und zu. Den Ort, an dem man wieder das Kind sein darf, egal wie alt man ist.
Licht in den dunklen Monaten
Ich wählte nie den Sommer. Im Sommer kam alle Welt. Im Sommer hatten meine Eltern Besuch genug, Verwandte, Nachbarn, das volle Haus.
Ich kam in den dunklen Monaten. November. Januar. Februar. Wenn die Tage kurz waren und der Atlantik grau und die Besucher selten. Genau dann, wenn es draußen am dunkelsten war, wollte ich bei ihnen sein. Ich wollte ihnen Licht bringen, wenn sonst wenig Licht da war.
Mein Vater hatte einen Satz für diese Ankünfte. Jedes Mal, wenn ich zur Tür hereinkam, sagte er: „Cuando Ramona entra por la puerta, sale el sol." Wenn Ramona durch die Tür kommt, geht die Sonne auf.
Diesen Satz habe ich mein Leben lang in mir getragen. Ich trage ihn heute noch.
Chocolate, churros und die Könige
Im Januar fuhr ich mit ihnen ins Dorf, um die Heiligen Drei Könige zu sehen. Wir tranken chocolate caliente con churros, dick und süß und heiß, bis die Finger klebten.
Ich stand zwischen meinen Eltern, eine erwachsene Frau, längst selbst Mutter, mit einem ganzen Berufsleben hinter mir. Und war doch wieder ganz das kleine Mädchen, das den Königen zusieht und an die Magie glaubt. So fühlt sich Heimat an. Sie macht dich klein im allerschönsten Sinn.
Was ich wirklich tat
In diesen Wochen tat ich nichts Großes. Ich hielt ihre Hände. Ich nahm sie in den Arm. Ich hörte ihre Geschichten, dieselben, die ich schon hundertmal gehört hatte, und ich hörte sie, als wäre es das erste Mal.
Ich atmete sie ein. Ihren Geruch, ihre Nähe, ihre Stimmen. Ich speicherte alles ab, ohne zu wissen, dass ich es eines Tages nur noch aus dem Gedächtnis würde abrufen können. Vielleicht ahnte ich es doch. Vielleicht kam ich gerade deshalb immer wieder. Um zu sammeln, solange es noch etwas zu sammeln gab.
Die Tür, hinter der niemand mehr wartet
Meine Eltern leben nicht mehr. Der eine ging vor vier Jahren, der andere vor zwei. Seitdem bin ich nur noch selten in Galicien gewesen.
Die Tür, durch die ich kam, damit die Sonne aufging, gibt es noch. Aber dahinter wartet niemand mehr, der diesen Satz sagt. Und doch vermisse ich es. Nicht nur sie. Auch das Land. Die feuchte Luft, die grauen Wintertage, den ersten Bocadillo am Flughafen, die Stimmen in zwei Sprachen. Ich vermisse das Gefühl, einfach nur Tochter zu sein. Dieses Gefühl bekommt man nur einmal im Leben geschenkt, und es hat ein Ablaufdatum, das man nicht kennt.
Ich hole mir die Sonne zurück
Ich habe mir vorgenommen, wieder hinzufahren. Diesmal mit meinem Mann. Mit meinem Sohn. Ich will ihnen zeigen, woher ich komme. Die Luft, die Stimmen, das Land, das mich gemacht hat.
Diesmal fahre ich nicht, um meinen Eltern Licht zu bringen. Sie brauchen es nicht mehr. Diesmal fahre ich, um mir selbst welches zu holen. Ich brauche dieses Gefühl wieder. Hier tanke ich auf. Hier komme ich zu mir.
Vielleicht ist das der Lauf der Dinge. Lange war ich diejenige, die die Sonne brachte. Jetzt fahre ich zurück, um sie mir wieder zu holen. Galicien hat sie noch. Es hat sie immer gehabt. Und irgendwo in der feuchten Luft, zwischen den grauen Wintertagen und dem Geruch nach Regen und Stein, höre ich meinen Vater noch sagen, dass die Sonne aufgeht, wenn ich durch die Tür komme.
Vielleicht ist es jetzt an mir, dieser Satz zu sein. Für meinen Sohn. Für die, die nach mir kommen.
Hast du auch so einen Ort? Einen, an dem du einfach nur Kind sein darfst, oder durftest? Und gibt es einen Satz, den jemand über dich gesagt hat, den du dein Leben lang in dir trägst? Schreib es mir. Ich glaube, diese Orte und diese Sätze sind das Wertvollste, was wir besitzen.