In Spanien bin ich die Deutsche. In Deutschland die Spanierin.

In Spanien bin ich die Deutsche. In Deutschland die Spanierin.

Eine Kolumne von Ramona Blanco García Wolff

Gestern kaufte ich auf dem Markt in Málaga Tomaten. Ich sprach Spanisch. Meine Muttersprache. Die Sprache, die ich konnte, bevor ich ein einziges Wort Deutsch verstand. Die Verkäuferin lächelte, wog die Tomaten, schaute mich an und fragte:

„¿De dónde eres?"

Woher kommst du.

Eine harmlose Frage. Aber sie trifft mich jedes Mal an derselben Stelle. Ich stehe hier, in Spanien, in dem Land, in dem ich geboren wurde. Und man fragt mich, woher ich komme. Als wäre ich zu Besuch. Als gehörte ich nicht hierher.

In Spanien bin ich die Deutsche

Und das Komische ist: Mein Spanisch ist nicht schlecht. Es ist makellos. Ich spreche fließend, klar, ohne jeden Akzent. Und genau das ist das Problem.

In Spanien hört man fast immer heraus, woher ein Mensch kommt. Jede Region hat ihren eigenen Klang, ihre Melodie, ihre Färbung. Nur in Valladolid und in Madrid spricht man dieses reine, klare Castellano, an dem nichts haftet. Und ich spreche genau dieses Castellano. An mir klebt keine Herkunft. Das verwirrt die Menschen. Sie hören mir zu und können mich nicht einsortieren. Zu sauber für eine von hier. Für eine Ausländerin aber auch viel zu perfekt. Also fragen sie. „¿De dónde eres?"

Dabei hat dieses Castellano einen Grund, den die wenigsten ahnen. Ich komme aus Galicien. Dort spricht man Gallego, heute eine eigene, anerkannte Sprache. Aber ich bin zu Francos Zeiten zur Schule gegangen. Und unter Franco war Gallego verboten. In der Schule gab es nur Hochspanisch, nur Castellano, sauber und streng. Was als Verbot begann, ist mir geblieben wie eine zweite Haut.

Ist das nicht eine bittere Ironie? Die Sprache, die man uns aufgezwungen hat, um unsere eigene auszulöschen, macht mich heute zur Rätselhaften in meinem eigenen Land. In Spanien bin ich die Deutsche. Nicht wegen eines Fehlers in meinem Spanisch. Wegen seiner Perfektion.

In Deutschland bin ich die Spanierin

Und dann fahre ich zurück nach Deutschland. Mein anderes Zuhause. Das Land, in dem ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe, auch wenn ich als Kind immer wieder zwischen den beiden Ländern hin und her gewechselt bin. Und dort bin ich das genaue Gegenteil.

Dort bin ich die Spanierin. Die mit dem Temperament. Die, die zu laut lacht. Die, die beim Reden mit den Händen fuchtelt. Die, die tanzt, sobald irgendwo eine Latino-Melodie läuft, auch wenn alle anderen sitzen bleiben. Die mit dem Namen, den niemand auf Anhieb richtig ausspricht. Blanco García. „Wie war das nochmal?"

Mein ganzes Leben in Deutschland war ich die Spanierin. In der Schule. Im Beruf. Bei den Nachbarn. Immer mit diesem kleinen Zusatz, dieser Markierung, die sagt: gehört dazu, kommt aber eigentlich von woanders.

Das Kind, das nicht gefragt wurde

Ich habe das nicht entschieden. Ich war drei Jahre alt, als wir nach Deutschland kamen. Mein Vater wollte zwei Jahre bleiben, Geld verdienen, zurückkehren. Aus zwei Jahren wurden fünfunddreißig. Und ich pendelte. Mal Schule in Deutschland, mal Schule in Spanien. Hin und her, hin und her. Ein Kind zwischen zwei Ländern, das nie lang genug an einem Ort blieb, um dort ganz anzukommen.

Ich war wie ein junger Baum, den man immer wieder umpflanzt. Mal in die eine Erde, mal in die andere. Der Baum ist trotzdem gewachsen. Kräftig sogar. Aber seine Wurzeln liegen in zwei Erden gleichzeitig. Ein Teil in Spanien, wo er begann. Ein Teil in Deutschland, wo er groß wurde. Und kein Boden allein kann sagen: Dieser Baum gehört ganz mir.

Die Heimat, die kein Ort ist

Lange habe ich gedacht, das sei ein Mangel. Etwas, das mir fehlt. Andere Menschen haben eine Heimat, einen Ort, ein klares „Da komme ich her". Ich habe immer zwei Antworten und keine, die ganz stimmt.

Heute sehe ich das anders.

Heimat ist für mich kein Ort geworden. Heimat ist ein Gefühl. Es ist der Moment, in dem ich mit mir selbst im Reinen bin. Das kann auf dem Markt in Málaga sein, mit Tomaten in der Hand. Das kann an meinem Schreibtisch in Deutschland sein, wenn ich eine Kolumne schreibe. Das kann auf einer Tanzfläche sein, egal in welchem Land, sobald die richtige Musik läuft.

Ich trage meine Heimat in mir. Sie reist mit. Sie ist da, wo ich bin.

Ich bin nicht halb und halb. Ich bin beides ganz. Doppelt. In Deutschland bin ich strukturiert, plane akribisch meine Termine. Als ich bei meinem spanischen Steuerberater von Deutschland aus einen Termin für meine Reise nach Spanien vereinbaren wollte, sagte er: „Aber da sind noch drei Wochen hin. Bis dahin können noch so viele Dinge passieren. Ruf einfach an, wenn du da bist."

Drei Wochen. Für mich war das eine Ewigkeit, die ich jetzt schon festlegen wollte. Für ihn war es ein Wimpernschlag, über den man nicht nachdenkt, bevor er vorbei ist. Und wir hatten beide recht.

Das ist kein Mangel. Das ist ein Reichtum, für den manche ein ganzes Leben brauchen, um ihn zu sehen.

Die Verkäuferin auf dem Markt wartet noch auf meine Antwort. „¿De dónde eres?"

Ich lächle. „De Galicia. De la tierra de la que decís aquí que es como una mujer hermosa pero sin pudor: porque siempre está mojada."

Sie lacht. Reicht mir die Tomaten. Und fragt nicht weiter.

Kennst du dieses Gefühl, zwischen zwei Welten zu stehen? Zwischen zwei Ländern, zwei Sprachen, zwei Familien, zwei Leben? Wo ist deine Heimat, wenn sie kein Ort auf der Landkarte ist? Schreib es mir. Ich glaube, wir Dazwischen-Menschen sind mehr, als wir denken.

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