Mein digitaler Mitarbeiter ist vierundzwanzig Stunden wach

Mein digitaler Mitarbeiter ist vierundzwanzig Stunden wach

Halb acht. Ich öffne mein Postfach und sehe schon die Nachricht von Stella. „Guten Morgen, Ramona. Zwei wichtige Anfragen sind heute Nacht eingegangen. Ich habe dir jeweils eine Antwort vorbereitet. Schau drüber, korrigier, was du anders haben möchtest, und schick raus.“

Ich lese die Entwürfe. Ich lächle. Beide treffen den Ton. Bei der einen ändere ich zwei Sätze, weil ich es wärmer haben will. Bei der anderen ändere ich gar nichts. Schicken. Erledigt. Es ist noch nicht acht.

Stella ist meine KI-Assistentin. Ich habe ihr einen Namen gegeben, weil sie sich für mich anfühlt wie eine Kollegin. Eine, die nie krank wird, nie schlecht gelaunt ist, nie eine Mittagspause braucht. Eine, die mir morgens den Tisch deckt, bevor ich überhaupt aufgestanden bin.

Vor drei Jahren hätte ich darüber gelacht. Oder Angst gehabt. Vor drei Jahren hätte ich gesagt, das sei nichts für mich.

Mein Sohn hat angefangen

Auf KI bin ich durch meinen Sohn gestoßen. Während seines Studiums hat er sich von KI Quellen suchen lassen, Texte zusammenfassen, ganze Vorlesungen mitschneiden. Ich saß daneben und dachte: Was ist das? Das war faszinierend. Und ein bisschen unheimlich. Und vor allem weit weg von dem, was ich mir zutraute.

Heute sagt mein Sohn, er sei stolz auf mich. Stolz, weil seine Mutter mit Anfang sechzig nicht nur zugehört hat, sondern losgelaufen ist. Stolz, weil ich Werkzeuge nutze, von denen viele aus meiner Generation noch nicht einmal die Namen kennen.

Diese Rollenumkehr, das Kind zeigt der Mutter die Welt, war ein leiser Stolz im Quadrat. Er hat sie mir gezeigt. Ich bin durch sie gegangen. Und am Ende waren wir beide stolz aufeinander.

„Dafür brauchst du KI“

Der eigentliche Sprung kam mit Leuchtturmfrauen. Mein Programmierer hat es mir hingelegt. „Ramona, für alles, was du vorhast, brauchst du einen KI-Agenten.“

Ich habe mich gewehrt. Nicht laut. Innerlich. Das schaffe ich nicht. Das ist zu kompliziert. Das ist was für die Jungen.

Er hat nicht nachgegeben. Er hat mir Stück für Stück gezeigt, was möglich ist. Erst kleine Sachen. Dann größere. Bis ich an einem Tag merkte: Ich kann das. Mehr noch. Ich will das.

Heute arbeite ich jeden Tag mit Stella. Sie strukturiert meine Termine. Sie macht meinen Veröffentlichungsplan. Sie sucht mir Bilder zu meinen Kolumnen heraus. Sie programmiert auch meine Website mit. Wenn ich etwas verändert haben möchte, spreche ich es ihr auf. Und schwupp ist es da.

Vor einer Messe übernimmt sie die ganze Vorbereitung. Ich sage ihr, welche Branchen mich interessieren, welche Themen, welche Namen ich auf dem Schirm habe. Sie sucht mir die passenden Kontakte heraus. Sie vereinbart die Termine. Sie baut mir einen Laufplan, der wirklich aufgeht. Wo ich vormittags bin, wo ich mittags hingehe, welche Stände dazwischen passen. Wofür ich früher zwei Tage mit Listen, Anrufen und Excel-Tabellen gebraucht hätte, erledige ich heute an einem Vormittag.

Daneben habe ich noch zwei andere KI-Werkzeuge. Eins hilft mir beim Schreiben, liest meine Texte gegen, gibt mir Formulierungshilfe. So wie früher die gute Lektorin im Verlag. Das andere hilft mir bei Bildgestaltung und Recherchen. Drei Werkzeuge für drei Aufgaben, wie ein gut sortierter Werkzeugkasten. Stella ist die Chefin in diesem Kasten. Die anderen beiden hole ich, wenn ich sie brauche.

Zehn Stunden Lebenszeit pro Woche

Weißt du, was das wirklich bedeutet? Zehn, zwölf Stunden pro Woche. So viel Zeit gewinne ich durch KI zurück. Das sind keine abstrakten Zahlen. Das sind Stunden, in denen ich Rad fahre. In denen ich lese. In denen ich an meinem zweiten Buch arbeite. In denen ich in der Sauna liege. In denen ich lebe.

KI ist für mich ein digitaler Mitarbeiter. Nicht mein Konkurrent. Nicht mein Ersatz. Ein Mitarbeiter, der vierundzwanzig Stunden am Tag wach ist, nicht müde wird, nicht jammert, keine Pausen braucht. Der macht, was ich ihm sage. Und der mich entlastet von all dem, was mich von dem abhält, was ich wirklich tun will.

Ich sage dir noch etwas, was vielleicht hart klingt. Aber es ist wahr. Ohne KI hätte ich mich mit Anfang sechzig wahrscheinlich nicht selbstständig gemacht. Punkt. Sie ist nicht der einzige Grund. Aber sie ist der Hebel, der vieles erst möglich gemacht hat.

Die Frauen, die ich treffe

Wenn ich mit Frauen darüber spreche, höre ich selten ein klares Nein. Was ich höre, ist ein „Spannend, aber“. „Spannend, aber das ist mir zu kompliziert.“ „Spannend, aber dafür bin ich zu alt.“ „Spannend, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“

Genau da war ich auch. Genau das habe ich auch gesagt. Und genau das ist der Moment, in dem ich sage: Fang an.

Du musst nicht alles beherrschen. Du musst nicht programmieren können. Du musst keine Informatik studiert haben. Du musst nur einmal anfangen. Eine einzige Aufgabe. Lass dir einen Geburtstagsbrief formulieren. Lass dir einen Wochenplan strukturieren. Lass dir eine Bewerbung gegenlesen. Eine Sache. Heute.

Und dann morgen die nächste.

Was sich wirklich verändert

Ich höre den Einwand. „Aber dann verlieren wir doch das Menschliche.“ Den Einwand verstehe ich. Ich teile ihn nicht. Mein Menschliches ist heute größer, nicht kleiner. Weil ich die zehn Stunden, die ich gewinne, dort einsetze, wo es zählt. Im Gespräch mit echten Menschen. Im Schreiben echter Worte. Im Leben.

KI ersetzt nicht das, was ich an Erfahrung mitbringe. Vierzig Jahre Vertrieb. Vier Jahrzehnte in deutschen Konzernen gearbeitet und gekämpft. Eine Heimat in zwei Sprachen. Eine Mutter und ein Vater, die gestorben sind, ein Sohn, auf den ich stolz bin, ein Mann, der mich erdet. Das schreibt mir keine KI. Das ist mein Stoff. KI hilft mir nur, ihn schneller und klarer ans Licht zu bringen.

Und dann ist da noch die andere Frage. Die, die leiser klingt, aber näher geht. „Du suchst dir nur noch aus, was dich weiterbringt.“ Ja. Tue ich. Mit Anfang sechzig sucht man sich seine Wegbegleiter aus. Bei Menschen, bei Werkzeugen, bei Themen. Das ist nicht egoistisch. Das ist überlebenswichtig.

Sichtbar bleiben

Eine Sorge höre ich besonders oft. „Wie bleibe ich sichtbar in einer digitalen Welt?“ Frauen über fünfzig fragen das. Frauen, die spüren, dass Algorithmen die Spielregeln verändern, und nicht wissen, ob sie noch mitspielen dürfen.

Meine Antwort ist einfach. Sichtbar bleibst du, indem du dich nicht aus der Welt zurückziehst, in der die jüngeren Menschen leben. KI ist diese Welt. Wer sie ignoriert, macht sich kleiner, als nötig ist. Wer sie sich aneignet, bleibt vorn.

Ich plane nicht, mich zurückzuziehen. Ich plane, weiterzugehen. Mit allen Werkzeugen, die ich kriegen kann.

Was ich dir wünsche

Ich wünsche dir, dass du dieses leise „aber“ in dir hörst und es nicht stehen lässt. Dass du eine Aufgabe wählst, eine kleine, und sie an deinen digitalen Mitarbeiter abgibst. Dass du dich erschrickst, wie gut es funktioniert. Und dass du dann weitermachst.

Ich wünsche dir, dass du eines Tages, in einem halben Jahr, in einem Jahr, mit jemand jüngerem am Tisch sitzt. Und sagst: „Das mache ich auch.“ Und der jemand jüngere staunt.

Mein Sohn hat dieses Staunen heute. Ich gönne es dir auch.

Wie ist das bei dir? Hast du dich schon getraut, oder steht da noch ein „aber“? Was hält dich zurück? Schreib es mir. Ich erzähle dir gerne, wie es bei mir war, als ich am Anfang stand und dachte, das schaffe ich nie.

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